
2002 unterlagen die Deutschen im WM-Final Brasilien 0:2. Sechs Jahre später stiessen sie gegen Spanien in einem weiteren Endspiel an die Grenzen. In beiden Fällen war die DFB-Auswahl im Prinzip chancenlos. Vergleichbar ist die Stimmungslage trotzdem nicht. Christoph Metzelder beschrieb die Finalqualifikation in Südkorea in einem Interview mit der "Süddeutschen" als Anachronismus. Davon kann im Rückblick auf die diesjährige EM keine Rede sein. Die aktuelle deutsche Equipe besitzt vergleichsweise bubenhafte Züge.
Wer wird Keeper Nummer 1?
Philipp Lahm, Lukas Podolski, Thomas Hitzlsperger und Bastian Schweinsteiger stehen für die Zukunft des Finalverlierers. Die EM-Finalisten sind anders als die WM-Endspielteilnehmer keine aufpolierten Auslaufmodelle.
Retouchen sind nötig, vor allem in der instabilen und langsamen Innenverteidigung, ein Umbauprozess hingegen steht nicht (mehr) bevor. Jens Lehmann wird abtreten, René Adler, der starke Keeper von Leverkusen, steht bereit. Andere Hochtalentierte wie Toni Kroos, der beste Spieler der letzten U17-WM, werden in absehbarer Zeit auf dem internationalen Fussball-Radar erscheinen.
''Dürfen Energie nicht verlieren''
Dem deutschen Team wird von den Neidern und Besitzlosen (aus der Schweiz und Österreich) oft unterstellt, es profitiere regelmässig von günstigen Konstellationen. Glück ist indes nicht der einzige Assistent der Deutschen. Sie haben sich nach dem EM-Debakel in Portugal für das mutige Projekt mit Jürgen Klinsmann entschieden. Der schwäbische Reformer und Wahl-Kalifornier entstaubte die Strukturen. Jogi Löw, sein Nachfolger und "Seelenverwandter", fuhr mit Herz, unglaublicher Akribie und Verstand weiter und immerhin an der hochdotierten EM bis ins Endspiel.
Mit welcher Grandezza und Ausstrahlung Jogi Löw vor die internationale Medien trat, lässt erahnen, dass mit dem dreifachen Welt- und Europameister in Kürze wieder zu rechnen ist. "Wir haben uns in den letzten zwei Jahren gut entwickelt. Die Kraft und Energie, weitere Fortschritte zu machen, dürfen wir aber nicht verlieren. In den fast 45 Tagen, die wir zusammen verbrachten, habe ich diesbezüglich viel Ehrgeiz gespürt", erklärte Löw.
Elber: ''Deutschland wie eine Schülermannschaft''
Das zwar knappe, aber eben doch indiskutable Resultat gegen Spanien löste bei Löw, seiner Mannschaft und auch im Kreis der Beobachter keine Grundsatzdebatte aus. Die Deutschen flüchteten vor der sportlichen Realität nicht mit dumpfen Ausreden. Sie anerkannten die Überlegenheit der neuen Champions. Und sie registrierten ihre Grenzen und leiteten daraus noch am Abend der Enttäuschung den Ansporn ab, "in den nächsten zwei Jahren einige Dinge zu verbessern" (Löw).
Giovane Elbers Kommentar, die Deutschen hätten im Final ausgesehen wie eine Schülermannschaft, klingt zwar salopp, ist aber nicht grundfalsch. Im Ansatz teilt Günter Netzer die etwas grobkörnige Einstufung des ehemaligen Bayern-Stürmers: "Den Deutschen wurden die Grenzen aufgezeigt. Aber die Mannschaft ist im Wachstum begriffen." Wenn der scharfe Analytiker Netzer Potenzial erkennt, ist das kein Nachteil, sondern ein Projekt mit Perspektiven.
von Sven Schoch
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