
Die Spielphilosophien der beiden Mannschaften hätten unterschiedlicher nicht sein können. Im Aufeinanderprallen von bedingungsloser Offensive gegen kontrollierte Defensive kam Werder Bremen bei Inter Mailand erst spät ins Spiel, doch nach Pizarros Treffer entwicklete sich ein packendes Spiel, das mit einem 1:1 keinen Sieger fand.
Die Charaktere der Übungsleiter könnten unterschiedlicher nicht sein. Jose Mourinho ist ein Selbstdarsteller, der den schmalen Grat zur arroganten Angabe nicht selten überspringt und seine Gegner herabwürdigt.
Thomas Schaaf ist sicherlich auch sehr selbstbewusst, doch kehrt er niemals den selbstverliebten Macho heraus. Sein ganzes Auftreten ist unaufgeregt, ruhig und von Fairness geprägt. Kritik an eigenen oder gegnerischen Spielern spart er sich.
Erfolg haben sie beide, der Portuguiese auf dem internationalen Parkett bedeutend mehr, während Schaaf sich rühmen kann den wohl torreichsten Fussball Europas spielen zu lassen. Beim Aufeinanderprallen dieser so grundverschiedenen Typen sollte sich zeigen, ob bedingungslose Offensive gegen taktisch perfekte Defensive siegen kann.
Zwei Philiosophien treffen aufeinander
Mourinho versuchte es mit einer nur auf dem Papier offensiven 4-3-3 Austellung und gab dem wiederauferstandenen Adriano die Chance, allerdings auf der ungewohnten linken Seite. Schaaf vertraute dem 4-4-2 mit der bekannten Werder-Raute im Mittelfeld. Sebastian Prödl und Petri Pasanen ersetzten Clemens Fritz und Sebastian Boenisch aus der denkwürdigen Begegnung mit Hoffenheim.
Die Hanseaten begannen die Partie, wie man sie kennt - mit Schwächen in der Abwehr. Nach nur 25 Sekunden brachte Adriano den ersten Schuss auf das Tor der in grün und weiss spielenden Bremer. Sein Landsmann Naldo hatte ihn im Strafraum in aller Ruhe den Ball mit der Brust annehmen und abziehen lassen.
Erster Aufreger nach 25 Sekunden
Das war nicht der einzige Fehler des jungen Brasilianers in der Anfangsphase der Partie. Mit dem wuchtigen Adriano hatte er ein ums andere Mal Schwierigkeiten. Die Folge waren drei Eckbälle für Inter schon in den ersten zehn Minuten. Viele Fehlpässe zermürbten das Selbstbewusstsein der Gäste und so war es fast schon zu erwarten, dass ein frühes Tor für die Italiener fiel.
Kurz vor dem Sechzehner banden Adriano und Ibrahimovic die Innenverteidigung, einen unfreiwilligen Abpraller von Frnk Baumann in die Tiefe ersprintete jedoch Aussenverteidiger Maicon und hatte keine Probleme den Ball über den alleingelassenen Tim Wiese zu lupfen (13.). Inter hatte die Werderaner nun genau dort, wo sie sie haben wollte. Zurückliegend mussten die Grünweissen das Spiel machen, hatten jedoch in der Defensive grosse Probleme, die physisch ungemein präsenten Stürmer zu kontrollieren.
Inter spielt typisch italienisch - ohne Italiener
Die Nerazzuri, die seit der Auswechselung Materazzis in der 19. Minute ohne Italiener agierten, machten in den folgenden zwanzig Minuten, was sie wollten. Werder durfte das Spielgrät bis maximal zwanzig Meter an den Strafraum herantragen, dann war es weg und die Hausherren leiteten schnell den Gegenschlag ein.
So standen die Bremer ständig unter Druck und konnten ihr sonst so rasantes Passspiel nicht aufziehen. Pasanen und Prödl waren hinten völlig überfordert, folgerichtig fehlten sie als Stationen auf dem Weg nach vorne. Durch die Mitte waren die cleveren Hausherren nicht zu überwinden. In der 39. Minute gelang es Werder jedoch tatsächlich die erste Torchance herauszuspielen und die hatte es in sich.
Erste Chance für Werder nach 39 Minuten
Prödl legte endlich seine Lethargie ab und wagte sich über die Mittellinie, prompt gelang eine schöne Passkombination, die ihn schliesslich frei auf dem rechten Flügel den Ball in Mitte flanken liess. Claudio Pizarro stiess beherzt in die Lücke, verstolperte jedoch das Spielgerät an den Aussenpfosten. Nun schienen die Gäste etwas wacher und mutiger.
Özil prüfte Keeper Julio Cesar mit einem wuchtigen Distanzschuss, der konnte den Ball jedoch im zweiten Nachfassen sichern. Kurze Zeit später durfte sich auch Tim Wiese auszeichnen, als er einen Querschläger von Pasanen mit letzter Kraft um den Pfosten zu lenkte, dann war Pause.
Werders Ausgleich als Hallo-Wach
Die zweite Hälfte begann so wie die erste. Inter wartete ab und Werder versuchte sich Torchancen zu erspielen. Mesut Özil war nun neben Diego auffälligster Angreifer. Er lief in die freien Räume und kam sogar zum Abschluss. Zählbares kam allerdings vorerst nicht heraus. Die Hanseaten hatten nun immerhin mehr vom Spiel. Stück für Stück tasteten sie sich an den Strafraum der Hausherren heran.
Inter wartete weiter ab, versuchte das Tempo zu kontrollieren, aber Werder hatte neue Vorgaben von Schaaf bekommen. Die Devise hiess nun, die Verteidigung über aussen zu knacken und Inter geriet ins Schwimmen. Özil kam auf der rechten Aussenbahn zum flanken. Der Ball segelte über Abwehrspieler und Torwart hinweg und Pizarro machte es nun besser als in der 39. Minute. Der Peruaner rutschte von hinten heran und hatte keine Probleme das Tor gegen den herumirrenden Julio Cesar zu erzielen (62.).
Das Spiel gewinnt an Fahrt
Das stellte den Spielverlauf auf den Kopf. Inter hatte nun Schwierigkeiten das Heft wieder in die Hand zu nehmen. Die Gäste blieben gefährlich. Mourinho reagierte schnell und ersetzte Stankovic, der bereits Gelb gesehen hatte, durch den offensiveren Queresma. Auf beiden Seiten gab es nun Torchancen. Inter versuchte es mit Distanzschüssen oder hohen Pässen in den Strafraum, Werder lauerte nun seinerseits auf Konter.
Ein offener Schlagabtausch war die Folge. Verglichen mit dem arroganten Spiel der Hausherren in der ersten Hälfte, einschliesslich betont lässigen Pässen und Tempoverschleppung, entwickelte sich in den letzten zwanzig Minuten ein rasantes Spiel mit offenem Visier. Das Mittelfeld überbrückten beide Teams mit langen Pässen, auch sonst verschwendeten sie keine Zeit mehr.
Maicon hatte nach seinem Treffer Blut geleckt. Sein wunderschöner Aussenristschuss landete in der 87. Minute nur am Aussenpfosten. Glück für Werder. In der Nachspielzeit glich sich selbiges wieder aus. Diego wurde 28 Meter vor dem Tor von Maicon von hinten umgerempelt. Den fälligen Freistoss hämmerte Naldo mit solcher Wucht auf Keeper Julio Cesar, dass dieser ihn nur zur Seite abwehren konnte. Erneut hatte Pizarro den richtigen Riecher, stürmte von der Seite heran und zog aus vollem Lauf ab. Julio Cesar hastete herbei und der Schuss des Bundesligarückkehrers landete nur knapp im Aussennetz. Sofort pfiff der Schiedsrichter die Partie ab.
Beide Seiten strapazieren ihr Glück
Nach katastrophalen 38 Minuten im ersten Spielabschnitt fasste sich Werder Bremen ein Herz und konnte Inter Mailand einige Spielanteile zu entreissen. Der Ausgleich in der 62. Minute sorgte dafür, dass die Mannschaft von Jose Mourinho ihre lässige Haltung aufgab und in den letzten 20 Minuten alles nach vorne warf. So kamen auch die Hanseaten noch zu Torchancen, vor allem durch Mesut Özil und Claudio Pizarro.
Am Schluss wäre fast noch ein Auswärtssieg drin gewesen. Es bleibt die Erkenntnis, dass Schaafs Team selbst einer Mannschaft wie Inter Mailand ihr Tempo aufzwingen kann, wenn sie beherzt spielt. Denn objektiv betrachtet, liegt das Spiel mit offenem Visier den Bremern besser als Inter. Im Duell zwischen bedingungsloser Offensive und kontrollierter Defensive gab es heute keinen Sieger.
Felix Michel
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