Die Schweizer Demütigung von Sarajevo
Die Schweizer Demütigung von Sarajevo
Manuel Liniger: Auch er konnte nichts an der Schweizer Pleite ändern (EQ Images)

Ohne Vorwarnung erlitt das Schweizer Handball-Nationalteam in Sarajevo einen schweren Rückschlag. Gegen Bosnien-Herzegowina bezog die inferiore SHV-Auswahl ein 23:34-Debakel. Dieser Fehltritt wird in der EM-Ausscheidung kaum mehr zu korrigieren sein.

Die Schweizer reisten mit dem Plan an, sich im Fernduell mit Serbien einen Vorteil zu verschaffen. Sie wähnten sich auf Augenhöhe mit der Nummer 3 der Balkanregion. Mit der höchsten Niederlage in einem Wettbewerbsspiel seit zweieinhalb Jahren und dem Playoff-Fiasko gegen die Russen hatte in der Schweizer Delegation niemand gerechnet.

Der kaum für möglich gehaltene Untergang in Bosnien dürfte die EM-Kampagne wohl bis zum Schluss überschatten; dieses unerhört negative Resultat trübt die Perspektiven der jungen Equipe vermutlich nachhaltig. Platz 2 ist nach sportlichem Ermessen kaum mehr zu realisieren. Nach Serbien zog auch Bosnien an der SHV-Auswahl vorbei. "Diese Niederlage müssen wir genau analysieren", erklärte der schwer enttäuschte Nationalcoach Goran Perkovac hinterher.

Nach drei mehrheitlich brillanten Auftritten gegen Italien, Russland und Serbien erkannte Perkovac seine eigene Equipe kaum mehr wieder. Die miserable Darbietung redete der ehrgeizige Kroate zu keiner Sekunde schön: "Es war ein totales Versagen auf allen Ebenen -- und zwar vorne wie hinten. Wir gewannen in der Abwehr keinen Zweikampf." So könne man auswärts nicht bestehen, ärgerte er sich nach der 60-minütigen Demütigung.

Auch die stimmgewaltige Kulisse können die desillusionierten Schweizer nicht ins Feld (der Ausreden) führen. Nachdem der europäische Verband die Zuschauersanktionen aufgehoben hatte, füllten 1500 exemplarisch faire Fans das "Ramiz Salcin"-Stadion. Und die euphorisierten Anhänger der Bosnier lebten den passiven Schweizern jene Leidenschaft vor, die auch auf dem Parkett wünschenswert gewesen wäre.

Notlösungen und Verzweiflung

24 Stunden nach dem gravierenden Ausfall von Marco Kurth, der wegen einer Bänderverletzung passen musste, folgte der kollektive Ausfall des Teams. "Natürlich fehlte uns Kurth. Aber allein damit ist die desolate Leistung nicht zu erklären", betonte Perkovac. Er hätte dem Team bedeutend mehr zugetraut. Aber offenbar seien sie nicht bereit gewesen. Auf individuelle Schuldzuweisen verzichtete er aber bewusst: "Es wäre jetzt einfach, jeden zu kritisieren. Aber wir müssen auch am Tiefpunkt ein Team bleiben."

Ausgerechnet auf der seit Jahren problembeladenen rechten Aufbauerposition fehlte mit Kurth die einzige valable Alternative. Das Experiment mit Graubner brach Perkovac notgedrungen früh ab. Doch auch die (Not-)Lösung mit Iwan Ursic funktionierte nicht. Insgesamt fünf Spieler, am bitteren Ende sogar noch den St. Galler Rookie Keel, setzte Perkovac in seiner Verzeiflung ein -- ohne jeglichen Ertrag.

Ein Leader, der die spielerischen Mängel hätte ausgleichen können, fehlte. Keiner konnte die Verantwortung tragen. Manuel Liniger kam nie auf Touren, weil sich die schwach verteidigenden Schweizer kaum Breakchancen zu verschaffen vermochten. Andy Schmid blieb von der ersten Minute an unter seinem Normalwert. Unter Druck produzierte er neben sechs Toren auch elf missratene Aktionen.

Mit Schmid, vor allem an guten Tagen der Equipe ein brillanter Spielmacher, tauchte auch der Rest ab. Ohne Orientierungspunkt im Angriff und ohne jegliches Konzept in der Defensive. Gegen die mit viel Speed operierenden Bosnier fand kein Schweizer ein taugliches Mittel. Rechtshänder Terzic überwand die konfuse gegnerische Deckung gleich serienweise.

Ebinger verzögerte die Schadensmeldung

Die Differenz hätte bereits in der ersten Hälfte böse Ausmasse annehmen können. Antoine Ebinger legte zumindest während 30 Minuten sein Veto ein. Seine elf Paraden verzögerten die Schadensmeldung aber nur. Den Ausweg aus der Sackgasse fanden die Schweizer nicht mehr. Ihre bereits zur Pause unsäglich tiefe "Angriffseffizienz" von knapp 37 Prozent sackte noch weiter auf 30 (!) Prozent ab.

Verloren hatten die Schweizer die Partie bereits nach 20 Minuten. Als Perkovac in höchster Not sein erstes Timeout beantragte, führte das Team des Wahl-Baslers Halid Demirovic bereits mit 10:6. 15 Fehlangriffe belasteten die Bilanz der Gäste zu jenem frühen Zeitpunkt. Der Absturz zeichnete sich früh ab -- und doch kam er aufgrund der Indizien der letzten Monate praktisch ohne Vorwarnung.

Von Sven Schoch (Si)

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