
Ernesto Bertarelli ist am Wochenende in Valencia an Bord einer Class America zurückgekehrt. Im Interview mit der Sportinformation äussert sich der Alinghi-Syndikatspräsident über die abgelaufene Saison und seine Hoffnungen für die Zukunft.
In einer Zeit, in der die ganze Welt über die Kollateralschäden der Finanzkrise zu klagen beginnt, verteidigt Bertarelli mit Überzeugung sein neues Projekt: Einen Cup im Jahr 2010 mit vielen Challengern und beschränkten Kosten. Eine Vision des Wettkampfs, die mindestens für den Moment die verschiedenen Herausforderer im Kampf um die Silbertrophäe überzeugt zu haben scheint. Mit Ausnahme von Oracle natürlich.
Ernesto Bertarelli, was haben Sie jetzt für ein Gefühl?
Ernesto Bertarelli: "Wir haben eine klarere Vision. Es besteht ein Interesse am Programm, das wir vorschlagen."
Können Sie uns dieses Programm näher umreissen?
"Es sieht einen Wettkampf im Jahr 2010 mit mehreren Challengern vor, der darauf abzielt, die Kosten zu reduzieren. Es ist durchaus machbar, auch wenn die juristische Ungewissheit verhindert, dass wir mit dem Bau der Boote beginnen. Wir müssen davon wegkommen und wieder regattieren. Wenn wir bis 2011 warten, bleibt den Teams zu viel Zeit, um Geld auszugeben. Die geplante Vorgehensweise sieht so aus: Planung und Ausarbeitung der neuen Boote in der ersten Hälfte 2009, Bau in der zweiten Hälfte, Tests und Training Anfang 2010 und dann der Wettkampf."
Sie sprechen von Kostenreduktion. Um wieviel?
"Ich denke, dass man das Budget auf ein Viertel reduzieren könnte. Zwischen 2003 und 2007 brauchte es zwischen 50 und 100 Millionen Euro, nun müssten 20 Millionen reichen."
Und wie gross wäre das Budget von Alinghi?
"Das Budget des Titelverteidigers ist natürlich grösser, weil es sich nach der Kontinuität richtet und das Team, welches die Trophäe hat, an allen Fronten präsent sein muss. Vom Moment, als die Ziellinie erfolgreich überschritten wurde, wussten wir schon, dass wir an der nächsten Austragung teilnehmen würden, im Gegensatz zu den Challengern, die sich eine Pause von mehreren Monaten gönnen konnten. Wir zahlen so gewissermassen den Preis für unseren Erfolg."
Nennen Sie keine Zahlen? Ihr Designchef Grant Simmer hat von 90 Millionen gesprochen...
"Hat Grant dies gesagt? Ich werde ihm die Ohren langziehen müssen, er darf nicht über das Budget sprechen."
Wenn wir über grosse Beträge sprechen, kommen wir nicht darum herum, das Thema Finanzkrise anzusprechen. Die Sponsorensuche wird sicherlich schwierig...
"Aber die Sponsoren und Städte wie Valencia müssen während einer solchen Verlangsamung wirtschaftliche Aktivitäten entwickeln. Der America´s Cup schafft Arbeitsplätze, sowohl bei den Sponsoren wie auch in der Stadt, die ihn beherbergt."
Sie sind auch Verwaltungsrat der UBS, die einer der grössten Sponsoren von Alinghi ist. Denken Sie, dass das Schweizer Volk dafür Verständnis hätte, wenn ein Teil der Milliarden des Bundes der Unterstützung eines Segelteams dienen würde?
"Es gibt noch keinen Entscheid bezüglich des nächsten Cups. Im Moment ist die UBS immer noch auf unseren Booten, weil wir nicht den Namen eines Sponsors wegnehmen wollen, der uns seit so langer Zeit unterstützt. Aber ich bin nur ein Verwaltungsrat, das ist nicht meine Entscheidung. Übrigens verlasse ich jeweils den Raum, sobald das Thema Alinghi angeschnitten wird."
Habt Ihr nicht das Momentum verloren, das nach dem Sieg 2007 herrschte?
"Der Enthusiasmus des Cups, der grosse Magnetwirkung besitzt, besteht immer noch. Es ist einfach nötig, dass wir unsere Ansprüche im nächsten Protokoll reduzieren."
Die Strategie von Oracle ist nun einmal so, wie sie ist. Welche Fehler hat Alinghi begangen?
"Es gab zwei grosse. Der erste ist, dass wir nicht wahrgenommen haben, was um den Cup herum passiert ist. Wir haben 2001 als kleine Schweizer begonnen und sind bis 2007 eine konkurrenzfähige Organisation mit Mitteln geworden. Wir hätten eine Pause machen und uns zwei Wochen Ferien gönnen sollen, ehe wir die nächsten Schritte ankündigten. Man sollte kein Öl ins Feuer giessen. Und das Protokoll ist immer ein gefährliches Thema. Das zweite Versäumnis war ein Fehler in der Kommunikation. Wir waren müde und haben das Dossier auf den Tisch gelegt, ohne Erklärung, arrogant. Diese Fehler waren ein fruchtbarer Boden für Oracle."
Waren die Klagen von Oracle also berechtigt?
"Das Problem ist, dass Oracle immer mehr wollte. Als sie vor Gericht das erste Mal siegten, wollten uns die Amerikaner die Zeit nicht geben, ein neues Boot zu bauen. Sie wollten einen Forfait-Sieg. Ich verstehe die Gründe für diesen Eigensinn nicht. Es macht überhaupt keinen Sinn, zu verlangen, dass man auf das Protokoll der 32. Austragung zurückkommt, weil das ganze neue Projekt darauf basiert, dass die Teams nur noch ein Boot haben."
Ist es wirklich möglich, dass Oracle die Klage zurückzieht?
"Wenn ich Larry Ellison treffe, sind wir uns einig. Aber sobald er mit Tom Ehman oder Russell Coutts spricht, krebst er zurück. Ich will ihn sehen, wo und wann er will."
Man spürt, dass Sie voller Hoffnung sind...
"Was wir vorschlagen, ist einzigartig. Mit der Kostenreduktion und der kürzeren Zeit haben jene Teams, die noch nie am Cup dabei waren, eine Chance, die sie vorher noch nie hatten. Aus diesem Grund sind auch Syndikate aus Russland und Hongkong an einer Teilnahme interessiert."
Fürchten Sie nicht die Konkurrenz der Fussball-WM 2010?
"Wenn wir die Vor-Regatten im April und Mai durchführen und im Juni aufhören, wird es keine Probleme geben. Wenn die WM das Stadium der Viertelfinals erreicht, gibt es weniger Spiele pro Tag. Wir könnten dann eine Round Robin austragen und würden den America´s-Cup-Match nach dem WM-Final austragen. Ich bin aber in jedem Fall sicher, dass diese WM auch dem Cup viel bringen kann, beispielsweise indem Grossleinwände aufgestellt werden."
Von Julien Pralong (Si)
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