
Wer Marat Safins Karriere verfolgte, der wähnte sich auf einer Achterbahn-Fahrt. Safin gewann ein Grand-Slam-Turnier (US Open 2000), verlor die Motivation (2001), spielte schlecht (2002), verletzte sich (Handgelenk/2003), gewann wieder ein Grand-Slam-Turnier (2005), verletzte sich erneut (2006) und spielte zuletzt immer schlechter (2007). Safin fand auch keinen Coach, der zu ihm passte. In sechseinhalb Jahren verschliss er zehn Coaches, darunter Mats Wilander, Peter Lundgren, Marc Rosset (2002) und dreimal Alexander Wolkow.
Safins aktueller Coach ist Hernan Gumy (Arg), ein ehemaliger Spieler. Die beiden arbeiten seit einem Jahr zusammen. Sie stellten im Training alles um - vorerst ohne Erfolg. Im September 2007 entschied sich Safin, den Kopf "durchzulüften". Obwohl er im Herbst weit über 1000 ATP-Punkte zu verteidigen hatte, kletterte er zehn Tage im Himalaya-Gebirge herum. Aber auch die Besteigung des Cho Oyu oder Qowowuyag (8188 m), des sechsthöchsten Berges der Welt, gelang ihm nicht. Safin reiste nach zehn Tagen unverrichteter Dinge aus dem Basislager ab.
"Tiefer kannst Du nicht mehr sinken"
Nach dem Himalaya-Abenteuer schien Safins Rücktritt nicht mehr fern. Safin: "Ich begann selber zu glauben, dass ich das Tennisspielen völlig verlernt habe. Ich trainierte wie ein Verrückter, aber nichts gelang." Die Wende zum Guten kündigte sich in der Sandsaison an, in der Safin sogar durch die Qualifikation musste (Safin: "Tiefer kannst Du nicht mehr sinken"). In Hamburg war das der Fall. Safin: "Aber ich spürte, dass ich plötzlich besser spiele. Ich hatte öfters Lospech, deshalb blieben die Resultate vorerst enttäuschend. Aber das Selbstvertrauen kehrte zurück."
Ausgerechnet in Wimbledon erfolgte nun die Wende zum Guten. Sein Zweitrundensieg gegen Novak Djokovic stellte eine Sensation dar. Dabei hasste der Russe eigentlich Tennis auf Rasen. Selbst Safin muss nun die ironische Situation belächeln: "Shit happens", schmunzelte er nach dem gewonnenen Viertelfinal gegen Feliciano Lopez, gegen den er zuvor viermal verloren hatte.
Safins Karriere nimmt jedenfalls immer wieder interessante Wendungen. "Natürlich wäre mir eine Karriere, wie sie Roger Federer hat, lieber gewesen", sagt der 28-jährige Moskauer, "aber jeder bekommt, was er verdient. Ich war oft verletzt. Es ist mühsam, stets neue Comebacks starten zu müssen. Aber so ist eben mein Leben - im guten wie im schlechten. Mittlerweile kann ich das Auf und Ab sogar geniessen."
Safin gibt den Leuten, die sagen, er hätte sein Potenzial (bislang) nicht ausgeschöpft, nicht Recht. "Wenn ich zurückblicke, bin ich stolz. Tennis hat mir viel gegeben und ermöglicht. Als ich 15 war, sah es für meine Karriere ganz und gar nicht gut aus. Gott-sei-Dank gab es Leute, die an mich glaubten, und mir 10 000 Dollar zur Verfügung stellten. Hätten sie das nicht getan, wäre aus mir nie der Russe geworden, der am US Open und Australian Open triumphierte."
In Zukunft wieder weiter nach Vorne
Mit 20 beendete Safin das Tennisjahr als Nummer 1, mit 25 gewann er "endlich" den zweiten Major-Titel. Sein Interesse gelte im Moment aber nicht Grand-Slam-Titeln. "Natürlich freut mich der Exploit in Wimbledon riesig. Aber nicht, weil ich nun eine Chance sehe, das Turnier zu gewinnen, sondern weil ich in der Weltrangliste wieder unter die Top 50 komme und nicht mehr Qualifikationen spielen muss. Ich will zurück unter die Top 20. Das ist das nächste Ziel."
Und der Halbfinal gegen Federer? Glaubt Marat Safin, dass er Federer in Wimbledon enttrohnen kann -- so wie vor dreieinhalb Jahren in Melbourne, als er ebenfalls eine historische Federer-Serie (24 Siege hintereinander gegen Top-10-Spieler) beendete? "Nein, daran glaube ich nicht. Es braucht mehr als fünf unverhoffte Siege, um mit Federer mithalten zu können. Nur weil ich jetzt in den Halbfinals stehe, bedeutet das nicht, dass ich dort auch eine Chance habe. Natürlich ist es eine weitere Chance für mich. Aber ich befürchte, es ist ein bisschen zu schwierig für mich, Federer in Wimbledon zu schlagen."
von Rolf Bichsel
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