
Roger Federer erhält am Sonntagnachmittag gegen Rafael Nadal Gelegenheit zur Revanche. Federer und Nadal stehen sich auch in Wimbledon wieder im Final gegenüber. Vor einem Monat in Paris hat Federer gegen Nadal bloss vier Games gewonnen.
Für den Wimbledonfinal werden die Karten aber anders gemischt. Auf Rasen liegen die Vorteile bei Roger Federer. Rafael Nadal fühlt sich jedoch wohl in der Rolle des Aussenseiters. Nadal: "Ich spiele gegen den besten Spieler der Welt. Vielleicht habe ich eine Chance -- aber sicher nur, wenn ich mein allerbestes Tennis spielen kann."
Roger Federer dagegen reagiert auf jeden noch so kleinen Zweifel an seiner Favoritenrolle gereizt. Er hört es ganz und gar nicht gern, wenn Björn Borg, John McEnroe (der am Freitag vor dem Halbfinal mit Nadal einspielte) oder wer-auch-immer ankündet, diesmal werde Nadal die Nase vorn haben. Federer: "Ich habe auf Rasen mittlerweile 64 Spiele hintereinander gewonnen. Diese Serie soll erst mal einer beenden."
Roger Federer blickt dem Final mit Zuversicht entgegen. "Alles sitzt jetzt", fasste er die ersten zwölf Wimbledon-Tage zusammen. Auf dem Parcours in den Final geriet er gegen Dominik Hrbaty, Robin Söderling, Marc Gicquel, Lleyton Hewitt, Mario Ancic und Marat Safin nie ins Straucheln. "Es war alles ziemlich einfach. Probleme tauchten eigentlich keine auf -- der perfekte Weg in den Final." Sein allerbestes Tennis konnte Federer noch gar nie zeigen, weil "die Gegner es mir nicht abverlangten".
Auch Marat Safin im Halbfinal vermochte Federer nicht ernsthaft in Bedrängnis zu bringen. Im ersten Satz führte der 27-jährige Basler nach acht Minuten bereits 3:0. Safin fand danach zwar besser ins Spiel, rannte aber bis zum Ende nach 102 Spielminuten (erfolglos) dem Rückstand hinterher. Vor allem mit den Grundschlägen unterliefen dem Russen viel zu viele Fehler; oftmals landeten die Bälle weit hinter dem Feld.
Safin boten sich deshalb auch nicht viele Chancen. Bei 2:1 im zweiten Satz erspielte er sich zwei Breakbälle. Federer brachte bei beiden Möglichkeiten den ersten Aufschlag nicht ins Feld, verhinderte das Break aber trotzdem. Im Tiebreak zog Federer sogleich auf 5:1 davon, weil Safin dreimal mit der Rückhand (zum 0:1, 0:2 und 0:4) und einmal mit der Vorhand (zum 1:5) fahrlässig patzte.
Dabei hätte Roger Federer die Fehler Safins nicht nötig gehabt. Federer war am Montag gegen Lleyton Hewitt nicht grossartig in die zweite Woche gestartet, steigerte sich seither aber enorm. Wenn Federer davon spricht, dass jetzt alles sitze, meint er Selbstvertrauen und Matchpraxis. Federer: "Am besten erkläre ich es so: Jetzt weiss ich oft schon unmittelbar nach dem Aufschlag, dass ich den Punkt gewinnen werde. Im Frühjahr -- beispielsweise in Dubai (Anfang März) -- hatte ich noch nicht einmal das Gefühl dafür, ob der Ball im Aufschlagfeld landete oder nicht."
In den ersten elf Rasenspielen in dieser Saison gab Roger Federer nur zweimal den Aufschlag ab. Gegen Safin gelangen ihm 14 Asse und weitere 27 Servicewinner in 16 Aufschlagspielen. Federer hat in Wimbledon wohl noch nie so gut aufgeschlagen wie in diesem Jahr.
Aber aufgepasst: Rafael Nadal steht Federer auch beim Aufschlag nicht mehr viel nach. Auch Nadal liess sich bislang in Wimbledon erst viermal breaken. Federer und Nadal trohnen auch in dieser Statistik hoch über dem Rest des Feldes. Zum Vergleich: Marat Safin, dessen Aufschlag ebenfalls eine schneidige Waffe darstellt, brachte in sechs Einzeln 16 Mal den Aufschlag nicht durch.
Nadal bewältigte seinen Halbfinal gegen Rainer Schüttler (6:1, 7:6, 6:4) wie Federer in souveränem Stil. Der Mann aus Manacor (Mallorca) verlor aber nach einer halben Stunde beim Skore von 6:1, 1:0 und Breakball vorübergehend die Konzentration. Rainer Schüttler nützte dies beinahe zu einem unerwarteten Satzgewinn. Schüttler ging 3:1, 4:2 und 5:3 in Führung, brachte aber bei 5:4 den Aufschlag nicht mehr durch. Im Tiebreak lag Nadal permanent in Führung, und zu Beginn des dritten Satzes bewerkstelligte Nadal mit dem Break zum 1:0 die Vorentscheidung.
Bundespräsident reist an
Der Final Federer - Nadal beginnt am Sonntag um 14 Uhr Ortszeit (15.00 Uhr Schweizer Zeit). Die Wetterprognosen sind zwiespältig. Nach zwölf Tagen mit fast ausschliesslich Sonnenschein droht das Final-Wochenende verregnet zu werden. Der Schweizer Bundespräsident Pascal Couchepin wird anreisen und die Partie aus der Royal Box verfolgen.
Federer startet zwar als Favorit in den Final, nicht alles spricht aber für den Schweizer. In der Bilanz gegen Nadal liegt Federer mit 6:11 Siegen in Rückstand; in Finals führt Nadal sogar mit 9:4. Für den Showdown gegen Nadal muss sich Federer im Vergleich zum Halbfinal gegen Safin vor allem am Netz steigern. Gegen Safin gewann Federer in der Offensive nur vier von elf Punkten. Gegen Nadal dürfte Federer auf Netzpunkte stärker angewiesen sein.
von Rolf Bichsel, Wimbledon
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