Marco Chiudinelli will weiter nach vorne.(© keystone)

Marco Chiudinelli will weiter nach vorne.

Das Jahr 2009 ist die bisher stärkste Saison von Marco Chiudinelli (ATP 73) im ATP-Zirkus. Nach zwei schweren Verletzungen (Schulter- und Knieoperation), die seine Entwicklung arg ins Stocken gebracht hatten, stiess der Baselbieter im Oktober erstmals in die Top 100 des ATP-Rankings vor. Dies vor allem dank seines sensationellen Auftrittes an den US Open, wo er es bis in die 3. Runde schaffte.

Am ATP-Turnier von Basel, quasi vor seiner Haustüre, will Marco Chiudinelli seine Form unter Beweis stellen und an seine starken Leistungen in dieser Saison anknüpfen.

Marco Chiudinelli, mit dem Vorstoss unter die 100 weltbesten Tennisspieler erleben Sie gerade wohl das schönste Jahr ihrer bisherigen Karriere. Das nachdem Sie Anfangs Januar noch auf Rang 603 figurierten. Wie weit gedenken Sie noch zu kommen?

Marco Chiudinelli: Zuallererst muss ich meine Rangierung bestätigen und konservieren. Man muss auch nach hinten schauen, nicht nur nach vorne. Innerhalb der Top 100 gibt es nur gute Spieler und die Konkurrenz ist hart. Priorität hat für mich, meine Position unter den Top 100 zu behaupten, um direkt für die grosen Turniere qualifiziert zu sein, ohne mich durch die Quali kämpfen zu müssen. Gelingt mir das, peile ich einen Platz im Kreis der 50 Besten an.

Eine Schulterverletzung setzte Sie 2005 für 10 Monate ausser Gefecht. Danach näherten Sie sich erstmals den Top 100. 2007 mussten Sie wegen einer Knieverletzung und der anschliessenden Operation (Patellasehne, Anmerk. d. R.) erneut 18 Monate pausieren. Haben Sie in dieser Zeit daran gedacht alles hinzuschmeissen?

Mit der ersten Verletzung konnte ich gut umgehen. Ich wusste, dass ich wieder spielen würde, denn die Operation war nicht so schwer. Ich habe die Zeit genutzt, um meine Freunde zu sehen und habe geduldig gewartet. Der zweite Rückschlag war moralisch viel schwerer zu verkraften, denn der Arzt hatte meine Chancen auf ein Comeback nur auf 80 Prozent beziffert. Ich hatte das Gefühl, die schönsten Jahre meines Lebens zu verlieren. Meine Familie und meine Freunde haben mir viel geholfen. Aber 18 Monate sind lang, also habe ich versucht, nicht zu oft zuhause zu bleiben, um auf andere Gedanken zu kommen. Daher habe ich mich in den USA operieren lassen und meine Rehabilitation habe ich in der Schweiz und Deutschland durchgeführt. Mir kam auch zugute, dass ich danach von Zeit zu Zeit meinem Freund Yves Allegro zu seinen Turnieren nachgereist bin. So konnte ich den Kontakt zu den Spieler aufrecht halten.

Wie haben Sie es geschafft, sich finanziell über Wasser zu halten?

Durch Glück. Mein Sponsor ist immer hinter mir gestanden. Wie auch meine Angehörigen hat er immer an meine Wiedergenesung geglaubt und mir mein Selbstvertrauen zurückgegeben. Um Geld musste ich mir nie Sorgen machen. Daher konnte ich meine Rückkehr vorbereiten, ohne mir Gedanken machen zu müssen, ob ich meinen Coach oder die Miete bezahlen kann.

Ihre bisherigen Saisonresultate haben ihr Bankkonto wachsen lassen. Gönnen Sie sich ein «Extra»?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin eher sparsam und gebe kein Geld für unbrauchbare Dinge aus. Nach den US Open (für den Einzug in die 3. Runde erhielt er einen Check über 48'000 Dollar, Anm. d. R.) habe ich mir lediglich Kopfhörer im Wert von 400 Dollar für meinen I-Pod gekauft. Und ich bin weit davon entfernt, Millionär zu sein...

Sie haben Spieler wie Safin, Juschni oder Karlovic geschlagen, verlieren aber gegen Melzer in der ersten Runde in Wien. Fehlt es Ihnen noch an Konstanz?

Im Gegenteil, ich bin zufrieden, denn es ist mir in den letzten Monaten gelungen, mein Niveau zu halten. Tennismatches entscheiden sich in wenigen Punkten, durch kleine Details. Gegen Melzer, der vor eigenem Publikum agierte, habe ich 6:7, 6:7 verloren. Das Resultat hätte auch auf meine Seite kippen können. Ein Typ wie Melzer, die Nummer 28 der Welt, ist sich mehr als ich gewohnt auf solchem Niveau zu spielen. Anderereseits hätte auch ich an den US Open gegen Juschni verlieren können, aber ich habe die zwei, drei entscheidenden Ballwechsel für mich entschieden. Man muss versuchen, alle Bälle gut zu spielen, denn man weiss nie, welche am Ende entscheidend sind. Das ist es, was die guten Spieler besser machen als die anderen.

Sie sind gleich alt wie Roger Federer und sie kennen sich schon aus der Kindheit. Ist er ein Freund?

Er gehörte schon immer zu meinen besten Freunden, auch wenn wir uns natürlich weniger sehen als früher. Wir wohnten im selben Dorf, trainierten oft zusammen und haben uns fast jeden Tag gesehen. Heute halten wir den Kontakt per Telefon oder SMS. Aber er ist immer für mich da und gibt mir beispielsweise taktische Ratschläge, wenn ich, wie an den US Open, gegen die besten Spieler der Welt antrete, gegen die ich noch nicht so oft gespielt habe.

Für das ATP-Turnier in Basel haben Sie eine Wild-Card erhalten. Träumen Sie von einem reinen Basler Duell in ihrer Heimatstadt?

Ich hoffe, dass ich zwei oder drei Runden überstehe und so ein paar ATP-Punkte sammeln kann. Aber ich denke nicht, dass das für ein Duell gegen Federer reicht (lacht).

Federer ist bereits Vater, Wawrinka auf bestem Wege dazu. Inspiriert Sie das nicht?

Oh nein! Auch wenn ich gleich alt wie Roger bin und älter als Stan, so fühle ich mich für eine Familie noch nicht bereit. Ich habe zwar eine Freundin, aber es ist noch zu früh für mich.